Tigst Assefa lief beim London-Marathon im April bereits ihren dritten Weltrekord binnen drei Jahren über klassische Distanz. Die 29-jährige Äthiopierin gewann in diesem Zeitraum zudem zwei Silbermedaillen im Marathon: bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris und bei den Weltmeisterschaften 2025 in Tokio verpasste Tigst Assefa den Sieg jeweils nur ganz knapp.
Lange Zeit hatte Tigst Assefa nichts mit den Langstrecken zu tun. Sie war eine 800-m-Läuferin, die internationales Niveau erreichte, aber nicht zur Weltspitze zählte. Dafür war sie mit einer Bestzeit von 1:59,24 Minuten nicht schnell genug. Zwar schaffte sie über die Mittelstrecke 2016 die Olympia-Qualifikation. Doch bei den Spielen in Rio schied Tigst Assefa im Vorlauf aus. Hinzu kam, dass das Training in Spikes ihr zunehmend Probleme bereitete. Sie litt immer wieder unter Verletzungen der Achillessehne.
Nach einer rund zweijährigen Pause wechselte Tigst Assefa Ende 2018 von der Bahn auf die Straße. Hier lief sie zunächst über 10 km und dann im Oktober 2019 ihr Halbmarathon-Debüt in Valencia. Mit einem fünften Platz und einer Zeit von 68:24 erzielte Tigst Assefa ein gutes Ergebnis, jedoch waren die Achillessehnen-Probleme in diesem Rennen derart stark, dass sie im Ziel kaum noch stehen konnte. Die Ärzte prophezeiten das Ende ihrer Karriere. „Aber ich habe nicht aufgegeben. Ich wollte zurückkommen und Geschichte schreiben“, sagte Tigst Assefa.
Nach einem Marathon-Debüt-Sieg in Riad (Saudi Arabien) in 2:34:01 Stunden konzentrierte sich Tigst Assefa fortan fast vollkommen auf die 42,195-km-Distanz. In Berlin gelang ihr 2022 ein sensationeller Durchbruch: Sie gewann das Rennen mit 2:15:37. Ein Jahr später kam Tigst Assefa nach Berlin zurück und erreichte neue Dimensionen im Frauen-Marathonlauf. Mit 2:11:53 Stunden unterbot sie den bisherigen Weltrekord um über zwei Minuten. Nach ihrem bis dahin größten Sieg widmete Tigst Assefa ihre Medaille dem verstorbenen Berliner Athleten-Manager Christoph Kopp. „Ohne Christoph wäre ich vielleicht nicht hier. Er hat mich gefördert und motiviert, obwohl ich gar nicht eine seiner Athletinnen war sondern zu einem anderen Management gehöre. Er sagte mir, ich solle es im Marathon versuchen. Christoph ist einer der Väter meines Erfolges“, erklärte Tigst Assefa.
Noch zwei weitere Marathon-Weltrekorde lief Tigst Assefa. Allerdings handelt es sich hier um die „Women only records“, die der internationale Leichtathletik-Verband World Athletics zusätzlich anerkennt. Es sind Bestzeiten, die in reinen Frauen-Rennen erzielt wurden – also ohne männliche Tempomacher. In London läuft das Frauen-Elitefeld separat. Und hier gewann Tigst Assefa 2025 mit 2:15:50 und in diesem Jahr mit 2:15:41.
Tigst Assefa lebt in Addis Abeba und gehört dort zur Marathon-Trainingsgruppe von Coach Gemedu Dedefo. Am 27. September wird sie zum dritten Mal beim Berlin-Marathon starten. Auf der schnellen Strecke hat sie ein klares Ziel: „Ich freue mich, dass ich wieder in Berlin laufen kann und will versuchen, den Weltrekord zu brechen.“ Dieses Mal geht es um den großen Rekord, der inzwischen bei 2:09:56 Stunden steht.
Die Marathonläufe von Tigst Assefa
1. Riad-Marathon (Saudi Arabien) 2022 2:34:01
1. Berlin-Marathon 2022 2:15:37
1. Berlin-Marathon 2023 2:11:53
2. London-Marathon 2024 2:16:23
2. Olympische Spiele, Marathon, Paris 2024 2:22:58
1. London-Marathon 2025 2:15:50
2. Weltmeisterschaften, Marathon, Tokio 2025 2:24:45
1. London-Marathon 2026 2:15:41
Text: Jörg Wenig
Foto: Victah Sailer
